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Andreas Waldhütter. Ein siebenbürgischer Pfarrerroman

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Andreas Waldhütter. Ein siebenbürgischer Pfarrerroman
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"Andreas Waldhütter. Ein siebenbürgischer Pfarrerroman" von Viktor Roth (2007)

 

Buch-Details

 

Broschiert: 288 Seiten

Verlag: Honterus-Verlag (2007)

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-9738707056

 

Buch-Beschreibung

 

Der Roman "Andreas Waldhütter", im Manuskript verblieben, erscheint viele Jahre nach seiner Niederschrift. Das nachgelassene Werk enthält eine Fülle von Beobachtungen und Erfahrungen aus dem Leben auf der Landgemeinde, aus dem Dasein des Pfarrerstandes von einst, aus dem Naturgeschehen in den Südkarpaten.

Viktor Roth geboren 1874 in Mühlbach (Unterwald), studierte Germanistik, Latein und Theologie und trat hierauf in den Dienst der evangelischen Landeskirche Siebenbürgens, zunächst als Schulmann, dann als Pfarrer.
Vor allem der Kunstgeschichte seiner siebenbürgischen Heimat galten Roths forscherische Bemühungen. Ihm verdankt dieser Zweig der Geisteswissenschaft eine Reihe grundlegender Arbeiten.

 

Rezension

 

Der Roman "Andreas Waldhütter" von Viktor Roth als Spiegelbild der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert

Rezension von Udopeter Wagner

Am 22. April 1936, also vor genau 70 Jahren, wurde Viktor Roth aus dem Hallenchor seiner geliebten Stadtpfarrkirche getragen und so ein Bogen geschlossen, der 62 Jahre früher, ebenfalls in Mühlbach, begonnen hatte. Der Anblick dieses Chores und des Altares hatte den Knaben so beeindruckt, dass er sich vornahm, sein Leben der Erschließung der siebenbürgisch-sächsischen Kunstwerke zu widmen.

Er wurde als Lehrersohn am 28. April 1874 geboren und studierte, nach Absolvierung des Kronstädter Honterusgymnasiums, in Tübingen, Klausenburg, Halle und Erlangen Germanistik, Latein und Theologie. Seine Doktordissertation schrieb er über die Metrik in Ludwig Uhlands Dichtung.

Da ein Studium der Kunstgeschichte damals noch "außerhalb des Bereichs praktischer Möglichkeiten" lag (es steckte noch in den Kinderschuhen), kehrte Viktor Roth 1897 nach Siebenbürgen zurück und wurde Schulleiter in Großschenk am Alt. Ein Jahr später finden wir ihn als Gymnasiallehrer in seiner Vaterstadt Mühlbach.

1902 zieht er sich als Pfarrer in die neben Schäßburg gelegene Gemeinde Großlasseln zurück, dem "Klosdorf" seines Romans "Andreas Waldhütter". Er lässt es sich Zeit und Geld kosten, Fahrten zu Kunstdenkmälern des In- und Auslandes zu unternehmen, um übergreifenden Zusammenhängen nachzugehen, auch verschickt er Fragebogen in die entlegendsten, von Sachsen bewohnten siebenbürgischen Dörfer. 1910 kommt er nach Hermannstadt und ab 1918 bis zu seinem Tod wirkt er in Mühlbach als Stadtpfarrer.

In 6 gewichtigen Büchern fing er den Gesamtbereich der siebenbürgisch-sächsischen Kunstgeschichte ein. Hinzu gesellten sich noch etwa 180 Einzeluntersuchungen. Die Bücher erschienen zum Großteil in Strassburg, was das Prestige beweist, dessen sich der siebenbürgische Forscher im Ausland erfreute.

1905 erschien die "Geschichte der deutschen Baukunst in Siebenbürgen", ein Jahr darauf eine gleichlautende Darstellung der plastischen Kunst, 1908 folgte die "Geschichte des deutschen Kunstgewerbes in Siebenbürgen", 1914 "Beiträge zur Kunstgeschichte Siebenbürgens"; 1916 (trotz des Krieges) erschien seine Arbeit über "Die Siebenbürgischen Altäre", vor allem die Tafelmalerei berücksichtigend, 1922 schließlich in Hermannstadt sein Werk über die "Goldschmiedearbeiten".[Die im "Heitz"-Verlag in Strassburg erschienenen Arbeiten machten die siebenbürgisch-deutschen Kunstschätze auch im Ausland bekannt.]

Als Zeichen seiner internationalen Wertschätzung erhielt er 1921 die Ehrendoktorwürde der Universität Wien. Nach 1918 trat er auch in Beziehungen zu rumänischen Gelehrten z.B. Nicolae Iorga, mit dem ihn gleichlaufende Interessen zusammenbrachten. Als Folge dieser wissenschaftlichen Kontakte zum "Altreich" wurde er 1926 Korrespondierendes Mitglied der Rumänischen Akademie.

Viktor Roth war, wie man sehen kann, kein Stubengelehrter, er versagte sich auch der sächsischen Gemeinschaft nicht, wenn er gefordert wurde. So war er z. B. aktiv in dem Hermannstädter kulturfördernden "Sebastian Hann"-Verein, wo er sich an der Seite von Männern wie Arthur Coulin, Adolf Meschendörfer oder Emil Sigerus für heimische Kunstbestrebungen einsetzte.

Mit Letzterem hatte er noch etwas Gemeinsames: beide waren Spezialisten auf dem Gebiet der Kunstgeschichte und beide dilettierten auf jenem der Literatur mit eigenen Versuchen. Sigerus erzielte in Anekdoten einen gewissen Achtungserfolg ("Von alten Leuten und Zeiten"), jagte der Muse aber auch mit mäßigem Erfolg auf dem Gebiet des Dramas und der Kurzgeschichte nach, wie in jüngster Zeit festgestellt werden konnte.

Viktor Roth setzte schon im reifen Alter seinen Ehrgeiz in die Erstellung eines Romans darein, dem er den Titel "Andreas Waldhütter" mit dem Zusatz "Ein siebenbürgischer Pfarrerroman" gab.

Wie bekannt, stellten die Pfarrer und Lehrer, die in den meisten Fällen beides in Personalunion waren, jahrhundertelang die geistige Elite des siebenbürgisch-sächsischen Volkes. Sehr viele von ihnen waren auch schöngeistig bzw. schriftstellerisch tätig, beginnend mit dem Kronstädter Reformator Johannes Honterus (16. Jh.), über die Humanisten Christian Schesäus ("Pannonische Trümmer") und Damasus Dürr, der als Pfarrer von Kleinpold im Unterwald ein Meister der Predigtenliteratur wurde.

Am Anfang des siebenbürgisch-deutschen Romans (18. Jh.) stand der Kleinscheuerner Pfarrer Michael Lebrecht ("Das unerkannte Verbrechen oder die Merkwürdigkeiten Samuel Hirtendorns"), Daniel Roth, evangelischer Pfarrer in Jassy und Christian Heyser Superintendent der evangelischen Kirche in Österreich markierten die Anfänge des siebenbürgischen Dramas und der historischen Erzählung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Namen wie Michael Albert, Friedrich Wilhelm Seraphin oder Gottfried Daichend sind zwar eher dem Schulbetrieb zuzuordnen, waren aber gleichermaßen auch Pfarrer. Dem in Stolzenburg, neben Hermannstadt, geborenen und wirkenden Pfarrer Johann Plattner gelangen, wie später Viktor Roth, eine Reihe lebensechter Bauerngestalten.

Ernst Thuliner, einer der Vorgänger Roths im Amt des Mühlbacher Stadtpfarrers, schrieb Gedichte in der sächsischen Mundart, von denen einige, in ihrer vertonten Variante, auch heute noch gesungen werden.

Oskar Wittstock, der Vater des berühmten Erzählers Erwin Wittstock, Pfarrer in verschiedenen sächsischen Gemeinden und Gymnasiallehrer in Hermannstadt, entwarf, aus der Haltung eines lutherischen Geistlichen heraus den Lebensweg einer sächsischen Lehrerin am Anfang des 20. Jahrhunderts ("Der sechste Tag", 1907).

In neuerer Zeit (nach dem II. Weltkrieg) haben Pfarrer wie Andreas Birkner, Eginald Schlattner, Harald Siegmund, Peter Barth (aus Siebenbürgen), Anton Josef-Ilk (aus Oberwischau), oder die Mundartdichter (und nicht nur) Walther Seidner und Wilhelm Meitert unterschiedliche literarische Leistungen erbracht. Die meisten, mit Ausnahme Andreas Birkners ("Die Tatarenpredigt") haben ihr Wirken als Geistlicher nicht in den Mittelpunkt ihres Werkes gestellt, wie das bei Viktor Roth in seinem "siebenbürgischen Pfarrerroman" der Fall war.

Es wird nun im folgenden eine Eingliederung des Romans "Andreas Waldhütter" in größere Zusammenhänge versucht werden. Mit den Begriffen "Stammesdichtung", "Grenzlanddichtung", "Literatur der Ränder" kann man sich dieser Prosa behutsam nähern. Hermann Pongs definiert die Stammesdichtung wie folgt: "Die naive Lebensfülle stammlicher Dichtung, auch wo sie sich zum Blickpunkt so genannter Heimatkunst verengt, bleibt der Kraftrückhalt eines Volkes...".

Ein Gegenstück zu Viktor Roth könnte der Priester Peter Dörfler aus Bayerisch-Schwaben darstellen, der etwa in derselben Zeit wie dieser (1934-1936) seine "Allgäu"-Trilogie verfasste. Sein Credo: "Etwas, das nicht zugleich mein Volk anginge, vermöge ich nicht zu schreiben."

Ebenfalls Hermann Pongs hebt hervor, dass "Die Besonderheit der deutschen Lage inmitten Europas eine besondere ...Dichtung der Grenzräume" entstehen lasse, die ihre eigene Bewertung fordert." In Viktor Roths Roman kommt das Problem des sächsischen Volkes als Träger deutscher Kultur und "protestantische Insel im Meer der Orthodoxie" zur Sprache.

Auch innerhalb der "Grenzräume" bietet sich ein Pendant zu Viktor Roth an, es ist der Südtiroler Probst Joseph Weingartner (1885-1952), dem Tirol die klassische Darstellung seiner Kunstdenkmäler verdankt und der auch dichterische Prosa verfasste, z.B. den im Brixener Milieu spielenden Roman "Über die Brücke". Eine geistige Brücke zwischen Siebenbürgen und Tirol stellte dann auch das Wirken unseres Landsmanns, des Germanisten Karl Kurt Klein in Innsbruck dar.

Wie oben angeklungen, stellt der Begriff "Heimatroman" eine qualitativ niedere Stufe der Stammesdichtung dar, kann daher, aus verschiedenerlei Gründen, auf den Roman "Andreas Waldhütter" nicht angewendet werden.

Bei Otto F. Best kann man nachlesen: "Der Heimatroman schildert dörfliches Leben harmonisierend-idyllisierend, d.h. unter Aussparung der Lebensprobleme der modernen Zivilisations- und Industriewelt und ist meist der Trivialliteratur zuzurechnen." Das in Viktor Roths Werk dargestellte Leben entbehrt nicht der Widersprüche materieller (z.B. Spekulanten) geistlicher (das Problem der aus Amerika heimgekehrten Sektierer) oder innerkirchlicher Art (die ständigen Dispute mit zu laschen Amtsbrüdern oder das Problem der Vetternwirtschaft.) Es gibt zwar Anklänge an die Trivialliteratur aber anderer Art, über die noch zu sprechen sein wird.

Von den klassischen Romantypen, wie Bildungs- oder Erziehungsroman, ist nicht die Rede, da der Held am Anfang des Romans als "fertiger" Familienvater, Pastor und junger Forscher dasteht. Es besteht weder die Bemühung des Helden mit einer kulturgeprägten Umwelt durch Lernen und Erfahren in Berührung zu gelangen (der junge und später reifende sächsische Rechtsgelehrte findet schon früh Anerkennung in der Reichshauptstadt Budapest), noch wird der Erziehungsprozess eines jungen Menschen infolge äußerer (pädagogischer) Einflüsse dargestellt.

Mit Maßen könnte man von einem "Entwicklungsroman" seiner Persönlichkeit, in ständiger Auseinandersetzung mit den Einflüssen seiner Umwelt sprechen. Andreas Waldhütter erkämpft sich seine Einsicht über den letzten Sinn des Lebens als liebendes Dienen an seiner Gemeinschaft über viele Irrwege, Höhen, Tiefen und Leid (der Tod seiner geliebten Frau Melitta) und Entsagung (verschiedenerlei, vor allem innere Bindungen und Hemmungen lassen ihn auf die ihn liebende und gleichgesinnte und -gestimmte Susanna verzichten) hinweg.

Für einen Gesellschafts- oder Zeitroman ist der dargestellte Weltausschnitt viel zu klein: Wenn Waldhütter sich aus seinem engen dörflichen Wirkungskreis löst, geht es entweder nur bis in ein Nachbardorf oder in die nahe liegende Kreisstadt, einmal, zusammen mit dem "deutschen" Schwiegervater quer durchs Sachsenland (etwa Hermannstadt und Kronstadt), die Abstecher nach Budapest oder die in Deutschland verbrachte Zeit ist ziemlich blass und schematisch dargestellt ohne in typische, gesellschaftliche Prozesse streifende Beschreibungen einzugehen. Es existierten damals und auch zur Zeit der Entstehung des Romans in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts im ganzen "Bärenland" im eigentlichen Sinne keine Großstädte.

Es gab in denselben dreißiger Jahren einige Romane der Urbanität bei den Rumäniendeutschen, wie z.B. Adolf Meschendörfers Evozierung Kronstadts als der "Stadt im Osten" (1931), Erwin Wittstocks "Bruder, nimm die Brüder mit" (1934), Heinrich Zillichs Zeitroman ,.Zwischen Grenzen und Zeiten" (1936) ebenfalls um Kronstadt kreisend oder Erwin Neustädters Romanerstling "Der Jüngling im Panzer" (1930-1932 entstanden) als psychologische Reaktion auf die durch den Ersten Weltkrieg bedingten Veränderungen. Der Meister par excellence der urbanen Welt war aber der Bukarester Oscar Walter Cisek, der in seinem Romandebüt "Unbequeme Liebe" (1932) auf Erkundungen seelischen Innenlebens auszieht.

80% der siebenbürgisch-sächsischen Bevölkerung lebte um die Jahrhundertwende auf dem Land, wie im Roman "Andreas Waldhütter" festgestellt wird. Diese Welt wurde in den zwanziger und dreißiger Jahren außer von Viktor Roth in der rumänisch-deutschen Literatur von dem Sachsen Hans Lienert in seinem Roman "Im heiligen Ring" (1925) und vom Bukowinadeutschen Heinrich Kipper "Die Enterbten" 1925) dargestellt.

Zum Unterschied von der "Heimatkunst", die in Deutschland um die Jahrhundertwende etwa von F. Lienhard oder A. Bartels als Reaktion auf die Großstadtkunst des Naturalismus propagiert wurde , war das in Siebenbürgen nicht nötig, weil der Modernismus damals erst in den Anfängen steckte (etwa um Meschendörfers "Karpathen") und auch bis zu den dreißiger Jahren im Klingsor-Kreis nur einige wenige Adepten besaß. Die Volkserzählung hatte in unseren Breiten hingegen ein Heimatrecht, sowohl in ihrer mundartlichen als auch in ihrer hochdeutschen Ausprägung, die Traditionen reichten bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück, und erfasste einige der besten Namen der siebenbürgisch-deutschen Literatur.

Auf diese Traditionen konnten dann die späteren Romane der Dorfwelt aufbauen. Einschränkend mag angeführt werden, dass die etwa zeitgleich entstandenen Romane Lienerts und Kippers im wahrsten Sinne "Bauernromane" sind, weil ihre Protagonisten diesem Stande angehören, die Verhältnisse aber in Viktor Roths "Andreas Waldhütter" anders liegen; weil der "Held" ein Intellektueller ist, der sich zwar in dörflichem Milieu aber nicht nur entfaltet.

Damit im Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem Umgang des Autors mit den Strukturelementen der epischen Formen: Figur, Raum und Geschehen. Der Roman ist an und in sich zwiespältig: einerseits soll er einen Wunsch nach Fiktionalem erfüllen, andererseits die Neugierde nach Faktischem befriedigen. "Andreas Waldhütter" scheint eher in die zweite Richtung auszupendeln. Viktor Roths Roman ist unseres Erachtens eine Mischung von Figurenroman (schon durch die Titelgebung angekündigt), der u.a. Gefahr läuft zum Lyrismus zu neigen (man denke z. B an die Szene mit Susanna) und Raumroman.

Er kommt von der Autobiographie her, und die Kritik hat das auch warnend unterstrichen. Harald Krasser äußerte zurückhaltend aber unmissverständlich, dass dem intendierten Leser mit der realen Biographie des Pfarrers Roth besser gedient gewesen wäre. Elemente des Raumromans scheinen uns dort zu begegnen, wo die Addition zum notwendigen Bauprinzip wird. Als Kunstgriff erscheint ein Rückzug in die Einsiedelei, der aufgehoben wird, sobald es notwendig wird. Uns erscheint die Flucht des Helden in die Einsamkeit der Berge nämlich einer tieferen Motivation zu entbehren (davon wird noch zu sprechen sein.)

Ein Großteil des breitausgesponnenen epischen Werkes (274 Seiten sind nach den etwa 1/4 des Typoskriptes umfassenden Kürzungen des Herausgebers geblieben) speichert die Realien des dörflichen Lebens in Siebenbürgen um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Gemeint ist das Dorf Großlasseln, wo Viktor Roth zwischen 1902 und 1910 Pfarrer war, seinen Protagonisten Andreas Waldhütter läßt er einige Jahre früher nach Klosdorf " kommen und 10 Jahre dort wirken.

Im Bewusstsein, dass nicht die künstlerische Realisierung des Romans vorrangig sein würde, haben wir als Thema der Arbeit die Wiedergabe daselbst der hauptsächlichsten Aspekte des Lebens der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft vor etwa 100 Jahren gewählt. Das Werk ist nämlich über seine künstlerischen Mängel hinaus, ein wertvolles Zeugnis einer damals noch intakten Dorfwelt und Kommunität.

Die Dorfgemeinschaft, so wie sie im Roman dargestellt wird, weist eine ziemliche Geschlossenheit sowohl wirtschaftlich als auch kulturell auf. Jeder in dieser Gemeinschaft hatte seinen fest gefügten Platz innerhalb der Nachbarschaften, von denen ihm auch seine Rechte und Pflichten von der Wiege bis zur Bahre zugewiesen wurden.

Das für alle verbindliche Brauchtum - man trug z.B. durchgehend die Volkstracht - verstärkt noch den Zusammenhalt. Anlässlich der ausführlich im Roman beschriebenen Brauchtumsfeiern, wie z.B. des Weihnachtsfestes, wo ein Turmbläser das alte Kirchenlied "Puer natus in Bethlehem" wiedergibt, wird darauf hingewiesen, dass dieses Brauchtum so alt sei, dass es gewiss noch aus der Urheimat vor mehr als 700 Jahren mitgebracht wurde. Bei der ebenfalls ausführlichen Auflistung der Handgriffe bei der Weinlese, wird des gebogenen Rebenmessers Erwähnung getan, dessen gleichlautende Bezeichnung ("heep") wie im Rheinland auf die Urheimat der Sachsen hinweise.

Die Blasmusik, die so genannten "Adjuvanten" und der "Männerchor" gehören ebenfalls zu den Traditionen einer sächsischen Gemeinde. Sie begleiteten kirchliche und soziale Ereignisse des Dorfes, wie Taufen, Hochzeiten oder Begräbnisse.

Die Bauern waren um die damalige Jahrhundertwende mit wirtschaftlichen Problemen besonderer Art konfrontiert, wie z.B. Veräußerung des Bodens, die Auswanderung nach Amerika, bedingt, besonders im Weinland, durch das Überhandnehmen der Reblaus, Geburtenrückgang u.a. Die Pfarrer konnten, so sie ein Gewissen hatten, ihre Bauern nicht vor diesen Problemen allein lassen, sie lebten oft eine zupackende landwirtschaftliche Tätigkeit vor, wie das z.B. im Passus über die so genannten "Pfarrer-Bauern" des Schwarzwasser-Kapitels zur Sprache kommt.

Der Autor-Erzähler nimmt in fast allen wichtigen Problemen, beginnend mit den wirtschaftlichen, eine konservative Stellung ein; so in der Frage der Zusammenlegung des Bodens, der so genannten Kommassation, eine für die moderne Landwirtschaft unerläßliche Maßnahme, die Waldhütter alias Roth ablehnt, weil sie den Gemeinsinn schwäche, zur Proletarisierung und als Folge davon zur Auswanderung führe. Er erwirbt ein Gut in Siebenbürgen, das er später, durch geschickte Schachzüge vor der Enteignung durch die rumänische Regierung rettet und bewirtschaftet eine Zeitlang in Vertretung den von seinem Gegenvater Brinkmann nachgelassenen Besitz in der Mark Brandenburg, bis dieser von seiner Tochter Annelore übernommen wird.

Dieselbe bewahrende, im Grunde fortschrittsfeindliche, Haltung nimmt Waldhütter und der Kommerzienrat Brinkmann als Sprachrohr des Autors in wirtschaftlichen Problemen von großer Subtilität ein: der Berliner verliert den Glauben an das Börsensvstem, weil es krisenanfällig sei und kauft Grundbesitz und Immobilien in Siebenbürgen.

Mit geringem schriftstellerischen Geschick, weil durch direkte Charakterisierung, läßt der Autor vor unseren Augen eine Galerie von Dorfbewohnern von ihren sozialen Spitzen bis hin zu den "Außenseitern" erstehen, wobei der Typisierungsgrad ziemlich hoch ist. Die indirekte Art, durch Handlungen, wäre gelungener gewesen. Dabei werden soziale Gegensätze nicht eingeebnet: der städtisch gekleidete Kleinkrämer, der, außer den Spitzen des Dorfes (Amtmann, Notar, Richter, Pfarrer usw.) allen einen 100% Aufschlag berechnet, der "Stadtflüchter", der unkirchlich eingestellt als "schlechter Volksfeind" dargestellt wird, und sich der ungebrochenen Autorität des Pfarrers schließlich beugen muss; der sich in Besitzgier Verzehrende, der aus Amerika als gebrochener Mann Zurückkehrende haben ihren Platz in die Darstellung neben Außenseitern wie Alkoholikern, Frauen von leichtem Sittenwandel oder dem Dorftrottel.

Der Schule und ihren Vertretern kommt im Roman auch ein angemessener Platz zu, konnte sich doch das siebenbürgische-deutsche Bildungssystem mit jenen Mitteleuropas messen; so geht es auch in "Andreas Waldhütter" um den Bau einer neuen Schule, die eine Gesinnung der Treue, des Gewissens und des evangelischen Glaubens vermitteln sollte. Die Lehrer nehmen in der Gemeinde eine Mittelstellung ein: sie werden wegen ihrer Bildung geachtet, haben aber ein geringes Einkommen.

Sie sind weniger Männer der Wissenschaft als des pragmatischen Zupackens und werden auch mit einem Anflug von Humor dargestellt: da sehen wir den Rektor Wilhelm Falk, einen lebensfrohen Sohn des Weinlands, der den Unterricht vernachlässigt aber Ungarisch (die Staatssprache) kann. Ihm zur Seite steht der Konrektor und der Prediger Alfred Broser, der zwar Interesse für die Theologie aufbringt aber nur mit geringen Geistesgaben ausgestattet ist. Ergänzt wird die Reihe der Pädagogen durch den 60-jährigen Kantor, Robert Walmen, einem Gegner aller Neuerungen des Unterrichts und der Erziehung.

Gemäß der Autorenintention im Untertitel, einen "siebenbürgischen Pfarrerroman" zu geben, wird diesem Thema ein breiter Platz im Roman eingeräumt. Schon am Anfang des Werkes wird eine Begründung der Berufswahl des Protagonisten gegeben: er sei Pfarrer geworden, weil es eine höhere Laufbahn im sächsischen Gemeinwesen nicht gegeben habe. Die Situation in den Gemeinden sei eine missliche, wegen der Armut können sich die Hälfte keine Pfarrer mit Diplomabschluss leisten und mussten mit Seminaristen Vorlieb nehmen. Indem er eine Anzahl von Pfarrern seines Kapitels vorstellt, nimmt er zu damaligen Problemen der Landeskirche Stellung.

Der Pfarrer Gunesch z.B., sei von altem Schlag, nehme es mit der Bibelauslegung nicht so genau, sei dafür aber von einem tätigen zugreifenden Christentum. Waldhütters Freund, Schochterus, eine der liebenswerten Figuren des Romans, gehe auf die Religiosität der Bauern zu, in der noch viel Heidentum stecke. Auch hier werden Widersprüche nicht wegstilisiert - ein Amtsbruder nimmt sich das Leben, weil er mit den sich vor ihm auftürmenden Problemen nicht zurecht kommt, erhält aber ein christliches Begräbnis, das von der Gemeinde getragen wird, ein Zeichen der Toleranz und Menschlichkeit.

Andreas Waldhütter ist ein Seelsorger, der es sich nicht leicht macht, er tritt in einen verständnisvollen Dialog mit den Abweichlern und beklagt es, dass die Bürokratie der Theologie den Rang abgelaufen habe, missbilligt auch die Vetternwirtschaft in der Landeskirche. Er schickt regelmäßig Eingaben an den Bischof, von denen einige auch von Erfolg gekrönt sind, so wird z.B. ein Fortbildungsunterricht bei jungen Vikaren eingeführt.

Auch wendet er sich gegen die Vernachlässigung der Theologie im Pfarrberuf und die Überbetonung des Materiellen; wichtig für die Völker sei auch, dass der rechte Geist in ihnen lebendig gehalten werde. Mit der Theologie nimmt er es sehr ernst: "Denn jede Unterlassung ist Schuld, und mangelnde Einsicht ist Vergehen am Heiligen Geist."

Um dem Gefühlsleben seiner Schäfchen näher zu sein, predigt er für die Wiedereinführung der Predigt in sächsischer Mundart und versucht sich auch in der Übersetzung der Bibel (des Neuen Testamentes) in das Siebenbürgisch-Sächsische und liegt damit, wie mit den meisten seiner Unterfangen und Pläne, gegen den Fluss seiner Zeit.

Ein Problemkomplex, dem hier noch nachgegangen werden soll, ist jener der Positionierung des Protagonisten als Vertreter sächsischer Intelligenz, auch deckungsgleich mit des Autors Ansichten zu dem "Mutterland" Deutschland. Das Aufgehen Andreas Waldhütters in den Reihen der siebenbürgischen Gemeinschaft ist der eine Teil dieses Problems, es wird schon unmissverständlich im Untertitel als "siebenbürgischer" Pfarrerroman angesprochen, außerdem endet der Roman mit einem Ausspruch in der Mundart, einem alten Gebet "Herr, hälf es zem Fridden". ("Herr, beschere uns den Frieden.")

Andererseits sieht er sich und die ihn tragende Gemeinschaft auch als einen Teil des großen deutschen Muttervolkes, allerdings nur auf die Sphäre geistiger Werte bezogen. Es heißt an einer Stelle des Romans, dass die Siedler weiland ein Stück Deutschland in ihre Arme genommen und es in diesen Boden eingepflanzt hätten. Die geistigen Beziehungen zu Deutschland werden intensiv gepflegt, wie das seit Generationen Tradition war.

Andreas Waldhütter dokumentiert sich für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Rechtsgeschichte in München und unterhält Kontakte, auch gesellschaftlicher Natur, zu den Vertretern deutscher Hochschulen oder dem Verein für das Deutschtum im Ausland. Allerdings ist die Sicht, nach beiden Seiten hin, klischeehaft. Einerseits sieht Waldhütter als verbindendes Glied mit dem Mutterland "Treue als Wesen des Seins" und huldigt damit der festgefahrenen Meinung, dass die Treue ein Primat des Deutschtums sei, andererseits sind die Deutschen in der Beurteilung der Siebenbürger Sachsen bereit, ihnen den "Exotenbonus" zu gewähren.

"Reichsdeutsche" Professoren, die im Urlaub aus landeskundlichem Interesse Siebenbürgen besuchen, sind darüber erstaunt, hier ihnen ebenbürtige Intellektuelle anzutreffen. Als Zeichen dieser Ebenbürtigkeit, die von einigen doch anerkannt wird, bietet man dann Waldhütter einen Lehrstuhl an einer deutschen Universität an. Ein anderes Klischee ist jenes des "urwüchsigen Ostens": Melitta sieht diese Ursprünglichkeit der Siebenbürger als einen Anziehungspunkt für sie an.

In den Stellungnahmen deutscher, rumänischer (und nicht nur)Politiker wurde und wird immer wieder auf die "Brückenfunktion" hingewiesen, die der deutschen Minderheit auf dem Weg unseres Landes nach Europa zukomme. Wenn heute, angesichts unserer dezimierten Minderheit, von dieser Brückenfunktion gesprochen wird, um wie viel gewichtiger muss das Problem vor 100 Jahren gewesen sein, als diese Minderheit noch intakt war. Viktor Roth sieht das so: "Und den Sachsen in Siebenbürgen ist die Aufgabe zugewiesen ... in Bildung und Gesittung, im Schaffen und Leisten, im Wollen und Glauben das Beispiel wahren Europäertums aufzurichten." [Hervorhebung Wagner]

Wenn heute Europa als "näher denn je" empfunden werden sollte, so ist das bloß eine Wunschvorstellung, wir befinden uns nämlich auf dem Weg zurück nach einem Europa, das obigen Wertvorstellungen entspricht, und das wir, bedingt von mehr als einem halben Jahrhundert undemokratischer Verhältnisse, verlassen mussten. Damals, vor 100 Jahren, waren wir ein Teil Europas, durch Gemeinsamkeit der Werte, der Traditionen, der Religion, Kultur und anderem.

Anhand der Darstellung der Beziehungen Waldhütters zu den beiden Frauen aus seinem Leben, seiner Ehefrau Melitta und Susanna, sollen einige Höhepunkte aber auch Schwachstellen Rothschen Erzählens analysiert werden. In der Beschreibung des liebreizenden Wesens Melittas, der verwöhnten Großstadttochter, lässt sich der Geschmack des kunstsinnigen Autors leicht erkennen. Es heißt von ihr, dass sich ein Hauch ihres Wesens über alle Dinge breite, die sie berühre, ihr Sinn verleihe den Gegenständen Leben und Ausdruck.

Einen gewissen Höhepunkt in dem handlungsarmen Roman stellt die Szene des sommerlichen Glücks in dem mittelalterlichen Schloss dar, die gleichsam von dem sich schon anbahnenden Gewitter todesüberschattet ist. Der Autor hätte die Szene des todbringenden Gewitters (die zarte Frau holt sich eine Lungenentzündung, der sie erliegt), als symbolische Überhöhung, weiter ausbauen können.

Wahrscheinlich versagt seine Kunst vor der Darstellung der Sterbezimmerszene, denn er lässt Waldhütter und den Arzt im Garten auf und ab gehen. Dessen erster Rückzug ins Gebirge bleibt noch im Bereich menschlich verständlicher und nachvollziehbarer Reaktionen mit seinem emotionalen Argument gegen die Gottheit, die so etwas zugelassen hat: "Hier wollte er mit seinem Schicksal Abrechnung halten, seinen Gott verstehen und sich selbst begreifen."

Nach Wochen richtet er sich an dem Paulus-Wort auf über die Bestimmung alles Sterblichen zu Leid und Tod. Die Beziehung des Autors zum Apostel scheint eine enge gewesen zu sein, da an mehreren Stellen des Romans Bezug auf Paulus genommen wird.

Susanna, die Tochter des Kurators, sticht schon unter den Konfirmandinnen hervor, auch wenn die Wortwahl "wie eine Prinzessin" überzogen scheint. Da sie offenbar "zu Höherem" bestimmt ist, wird sie auf das Anraten Waldhütters hin in der Stadt als "höhere Tochter" erzogen. Doch, oh Schreck, das Mädchen ist zu leidenschaftlich, was beschwichtigend mit ihrer angeblichen Herkunft von einem italienischen Offizier erklärt (oder entschuldigt?) wird. (Als hätten die sächsischen Frauen und Mädchen nicht auch zuweilen die Röcke gelupft). Diese Leidenschaftlichkeit äußert sich zunächst in Worten: "Und wenn ich zugrunde ginge, ich täte doch, was mein Glück verlangt." (S 188).

Sie will ihren Glücksanspruch verfechten, ihre natürliche Humanität ausleben. Noch bewegt sich die Beziehung im Geistigen, im Bereich der Kunst. Ihr Klavierspiel von Friedemann Bachs Vertonung des einzigen Liebesgedichtes seines Vaters, wie es im Roman heißt, von "Willst du dein Herz mir schenken. so fang es heimlich an" ist eine denkbar innige und zarte Liebeserklärung, wird aber von dem, an den sie gerichtet ist, erst später verstanden.

Vielleicht sind Viktor Roth die Künstlernovellen Thomas Manns vorgeschwebt, als er das Motiv der Zusammenbindung von Kunst und Debilität verwendete. Susanne muss ihr Musikstudium am Leipziger Konservatorium aus Krankheitsgründen unterbrechen und stirbt später an einem Herzversagen.

Nachdem in psychologischer Distanz über das Überhandnehmen der gegenseitigen Gefühle berichtet wird, (die Beziehung steuere auf "Intimität" hin, sie nehme in seinem Leben einen "unverrückbaren" Platz ein, er könne sie aber aus Rücksicht auf das Andenken an seine Frau, nicht "ganz an sein Leben fesseln") kommt es dann zur leidenschaftlichen Vereinigung, wobei das Mädchen die Aktive ist.

Die verwendete Sprache ist, wenigstens für unser heutiges Empfinden, zu schwülstig. Nachdem er sich durch ihr Spiel "...von den Tondichtungen der alten Meister über alle Erdenschwere in die Vorhalle paradiesischer Losgelöstheit" hatte emportragen lassen, (141), "beugte ihn sein Blut herrisch unter dem Sturm des Verlangens. Andreas nahm, was Susanne ihm schenkte."

Man könnte sich fragen, ob er ihr seinerseits nichts zu schenken hatte. Einen Schwachpunkt des Romans scheint uns Waldhütters Entschluss, sich nunmehr in die Einsamkeit des Gebirges zurückzuziehen, darzustellen, was auch von dem Herausgeber in seinem "Editionsbericht" vermerkt wurde.

Er habe, so schreibt Joachim Wittstock, die Gründe für dieses Eremitendasein auf die Richtung zum Arbeitsethos hin verlagert (die Übersetzung des Neuen Testaments und die Ausarbeitung einer siebenbürgischen Rechtsgeschichte), die vom Autor bevorzugten Gründe aber eliminiert, weil sie (vor allem heutzutage) nicht stichhaltig seien: sein Schuldgefühl der verstorbenen Gattin Melitta und der Kirchengemeindegegenüber, die von der Romanze mit Susanna verursachte Gewissensnot, die "Bußbereitschaft ungewöhnlicher Intensität."

In der "sächsischen Welt", aus der er verschwindet, in der er gedient habe "als einem Stück des ewigen Reiches unseres Herren" (S 200), hatte und hat, so möchten wir hinzufügen, die Liebe ihren willkommenen und fest gefügten Platz.Die Argumentation ist auch dort brüchig, wo er zwar vorgibt, um des Andenkens Melittas wegen sich seiner neuen Liebe nicht verbinden zu können, ein lebendiges Zeugnis der ehelichen Verbindung mit Melitta, die Tochter Annelore, aber verlässt.

Den Sinn seiner Selbstverbannung findet er nach eigenen Aussagen, in einem Wort des Heiligen Augustinus begründet: "Meine Seele ist unruhig in mir. bis sie nicht ruhig wird in dir" (S 211). Später fasst er sich und findet einen Lebenssinn "denn in seinem Lauf war Gelegenheit des Schaffens und Möglichkeit der Weltgewinnung." (S 225)

Mit der Übersetzung des NT ins Sächsische will er der Gemeinschaft, der er entsprossen ist, einen Dienst erweisen. Er verläßt diese selbstgewählte Einsamkeit, getrieben von der Einsicht, dass ihn nur Eigensucht und Selbstgenügung hergebracht hätte. Das lässt eine Distanzierung des Erzählers zu seinem Protagonisten erkennen.

Es wurde angemerkt, dass der Roman auch seiner Naturschilderungen halber lesenswert sei. Viktor Roth war zwar auch Jäger (übrigens eine seltsame Paarung mit dem Pfarrerberuf), aber die Passagen, die der Karpatenwelt gewidmet sind, erlauben keine, oder nur sehr wenig Parallelen zu den siebenbürgischen Natur- und Jagdschilderungen eines Emil Witting, Richard Jakobi oder Oskar Paulini, wo die Natur- und Jagdbeschreibung zum Selbstwerk wird.

Es gibt zwar auch hier gelungene Tierbetrachtungen z. B. eine Auerhahn-Balz (Waldhütter ist eher Heger denn Jäger und schießt nur Raubwild), aber die Gebirgskapitel haben im Roman, unseres Erachtens, wie schon einmal hingewiesen wurde, nur einen kompositorisch bedingten Wert, als Möglichkeit der Weltflucht des Protagonisten.

Andreas Waldhütter vertieft sich in eine Naturmystik. nähert sich pantheistischen Auffassungen: "Sein Gotteshaus war nun der Dom des Waldes mit dem Säulenheer der Fichtenstämme, die Frühgotik der bauenden Schöpfung. Seine Orgel war das Adagio des Abendwindes und das Fortissimo furioso des Sturmes zur Tag- und Nachtgleiche, wo krachende Bäume im Sturz die Pedale traten und der Nordwind die Register zog. Der Sternenhimmel über ihm, der in der Kälte des Januars in unwahrscheinlichem Glanz leuchtete, wurde ihm zum Lehrbuch der Glaubenslehre und der Sonne und alles, was zum Licht empordrängt, zum Glaubensbekenntnis" (S 211). Auch hier kann man das künstlerische Empfinden des Autors erkennen.

Man mag sich abschließend die Frage nach dem Aktualitätswert dieses Werkes stellen, dass ans Licht der Öffentlichkeit geholt wurde, als viele der hier behandelten Probleme nicht mehr von großer Aktualität waren. Wenn es auch gewiss nicht zu den Glanzleistungen der siebenbürgisch-deutschen oder gar rumäniendeutschen Literatur gehören wird (hier wagen wir eine Antizipierung der Rezeptionswirkung), so wird es durch die Konservierung verschiedener Realien des Lebens in unserer Gemeinschaft vor einem Jahrhundert für uns Nachgeborene doch zumindest von dokumentarischem Wert sein.

Vielleicht können wir uns die auf unsere heutige Lage vorausgreifenden Worte mitnehmen: "Wir wollen nicht ängstlich fragen, ob es noch lohnt und nützt, sich in die Bresche zu werfen. Das Leben und Bestehen der Völker ist niemals an die Vorbedingung der Zahl und der äußeren Macht gebunden gewesen. Immer war es die Kraft. die Gott gibt und die allein unüberwindlich ist. Wer seinen Brüdern hilft, zu solcher Kraft zu gelangen, der tut das Größte. was er zu wirken vermag..." (S 267)





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Zuletzt aktualisiert: Montag, 21 Mai 2012 01:42