
Belüge mich
"Belüge mich" von Richard Wagner (2011)
Buch-Details
Gebundene Ausgabe: 313 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag (2011)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3351033361
Buch-Beschreibung
Richard Wagner, geboren 1952 im rumänischen Banat, arbeitete als Deutschlehrer und Journalist und veröffentlichte Lyrik und Prosa in deutscher Sprache. Nach Arbeits- und Publikationsverbot verließ er Rumänien im Jahr 1987 und lebt seitdem als freier Schriftsteller in Berlin. Er gewann zahlreiche Preise und Stipendien, 2008 wurde er, in der Nachfolge von Karl-Markus Gauß und Karl Schlögel, mit dem Georg Dehio-Buchpreis ausgezeichnet.
Werke (Auswahl): "Ausreiseantrag. Begrüßungsgeld" (Erzählungen), "Miss Bukarest" (Roman), "Der leere Himmel" (Essay), "Habseligkeiten" (Roman), "Der deutsche Horizont" (Essay), "Lisas geheimes Buch" (Roman), "Das reiche Mädchen" (Roman).
Rezension
Richard Wagners neuer Roman "Belüge mich"
Letztere soll, so wie der Zweitname der Journalistin, Lauretta heißen und bezieht sich auf Lauretta Luca, die Tochter eines Kommunistenchefs und früher mal Miss Rumänien, eine Diva. Lauretta Luca wurde 1938 vergiftet aufgefunden – die Umstände ihres Todes wurden nie aufgeklärt. Das Pikante daran: Sie stand zwischen zwei Männern, dem Architekten Felix Toma und dem Musiker Remo Savin, die des Mordes verdächtigt werden.
Die Geschichte von Lauretta Luca spiegelt sich später in der Geschichte von Sandra Horn wider. Diese findet sich im Verlauf des Buches nun auch zwischen zwei Männern wieder, passenderweise den Nachkommen der Männer, zwischen denen Lauretta Luca stand: Remus Schumann, Sandras Freund, ist der Sohn des Tangomusikers, und ihr Geliebter Marcel ist der Enkel des Architekten Felix Toma.
Sandra bringt ein Aussiedlerschicksal mit. Als sie 14 Jahre alt war, hat sie Bukarest mit ihren Eltern verlassen und später in Deutschland Remus kennengelernt. Sie startete eine journalistische Karriere bei der Frauenzeitschrift Simone, für die sie dann auch nach Rumänien geht. Persönliche Gründe spielen aber auch eine Rolle, weil Remus ihr gerade untreu ist. In Bukarest trifft Sandra Marcel wieder, der wiederum mit ihrer früheren besten Freundin Vicky verheiratet ist.
So weit, so kompliziert. Doch nicht genug damit, Sandra recherchiert für die neue rumänische Zeitschrift, bei der ihr Vicky und Marcel unter die Arme greifen, über Lauretta Luca und so kommt ein ganzes Wespennest zum Vorschein. Im Mordfall ermittelte in den dreißiger Jahren Sandras Großvater, Ypsilon Horn. Der hat nicht nur gegen, sondern später auch für die Kommunisten gearbeitet. Der Architekt Felix Toma wurde des Mordes angeklagt; sein Sohn Radu Toma hat darüber ein Romanmanuskript verfasst. Dieses hebt sich im Tonfall und Stil nicht besonders deutlich von der sonstigen Erzählweise ab, daher schmälert es eher die Erzählerglaubwürdigkeit.
Richard Wagners Roman lebt von den diversen Stimmen, die stets weitererzählen, aus verschiedenen Perspektiven und mit unterschiedlichen Kenntnissen; so wirkt er vielstimmig, rhythmisch und spannend. Die Geschichte wird immer wieder anders beleuchtet und notgedrungen abgeändert. Leider markiert der Autor nicht immer eindeutig, wer gerade erzählt. Bis zuletzt kommt jedoch nur ein Kartenhaus heraus, ein Lügengebäude, das einzufallen droht.
Richard Wagner fasst die Geschichte in knappe Sätze und schmückt sie mit Tangoeinlagen und apodiktischen Formulierungen. Seine Figuren beschreibt er sparsam und treffend mit kleinen Gesten. Zum Ende hin überrascht er noch mit einer unerwarteten Wende. Der Gesamteindruck, der entsteht, ist, dass es zur Wahrheitsfindung wohl mehr als einen Roman braucht; denn hier besteht die Aufklärung aus einer Reihe von Lügen und Halbwahrheiten, womit die Kinder und Enkel der „Kommunisten, Faschisten, Kollaborateure und Opportunisten“ wohl leben müssen und sich allenfalls als Drehbuchschreiber betätigen können.
Von Edith Ottschowski, erschienen auf siebenbuerger.de am 9.5.2011
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