
Rumäniendeutsche. Diskurse zur Gruppenidentität einer Minderheit
"Rumäniendeutsche? Diskurse zur Gruppenidentität einer Minderheit (1944-1971)" von Annemarie Weber (2010)
Buch-Details
Gebundene Ausgabe: 410 Seiten
Verlag: Böhlau Verlag (2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3412205386
Buch-Beschreibung
Die Deutschen Rumäniens werden aus der Perspektive der Bundesrepublik gern als „deutschstämmige“ bzw. deutschsprachige rumänische Staatsbürger oder gar als „Deutsch-Rumänen“ bezeichnet, während sie in Rumänien unangefochten als germani gelten und in einem staatlich anerkannten „Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien“ (DFDR) politisch organisiert sind. In Rumänien ist „deutsch“ ein ethnisches und Kulturmerkmal geblieben, das die Staatenbildung der Nachkriegszeit und die damit verbundene politische Fixierung des Merkmals „deutsch“ auf eine bestimmte Staatsangehörigkeit hartnäckig ignoriert hat. Die Autorin widmet sich in ihrem Buch den besonderen „deutschen“ Identitätskonstruktionen in Rumänien zwischen 1944 und 1971.
Als Quelle nutzt sie die deutschen Zeitungen und Zeitschriften, die in dieser Zeit in Rumänien erschienen sind; sie hat insbesondere die Bukarester Tageszeitung Neuer Weg systematisch von 1949 bis 1971 analysiert. Das materialreiche Buch ist das Ergebnis einer mehrjährigen Forschungsarbeit, die Annemarie Weber 2009 mit der Promotion abgeschlossen hat. Es erschließt sich dank seiner präzisen Sprache, einer übersichtlichen Gliederung und vor allem eines Namen- sowie Ortsnamenregisters auch interessierten Nichtwissenschaftlern. Annemarie Weber war lange Zeit Journalistin bei deutschen Printmedien in Rumänien und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Siebenbürgen-Institut der Universität Heidelberg in Gundelsheim.
Rezension
Ein blaues Wunder
Hat die rumäniendeutsche Literatur sich selbst erfunden? Annemarie Webers Recherche zur Identität der deutschen Minderheit
Der Begriff „Rumäniendeutsche“ bildete sich nach dem Ersten Weltkrieg, als sich auf einmal mehrere Gruppen von Deutschen im Königreich Großrumänien befanden: die Siebenbürger Sachsen, die Banater Schwaben, die Deutschen der Bukowina, der Dobrudscha, Bessarabiens und andere. Im Zweiten Weltkrieg haben Offiziere gelegentlich das Wort verwendet. Es lag nahe, die Literatur, die diese Gruppen hervorbrachten, zusammenfassend als rumäniendeutsch zu bezeichnen, das ist (mit einer Ausnahme: Karl Kurt Klein) erst nach dem Zweiten Weltkrieg geschehen.
Dabei sahen sich die Theoretiker mit zwei Problemen konfrontiert. Die Literatur der wichtigsten Gruppen stützte sich auf Anfänge, die nicht in Großrumänien lagen, sondern in einem anderen Land – im selbstständigen Fürstentum Siebenbürgen, in Österreich, in Ungarn. Denken wir an Johann Samuel Kessler, Friedrich Krasser, Josef Haltrich, Viktor Kästner, Johann Nepomuk Preyer, Adam Müller-Guttenbrunn. Den Banatern galt Lenau als „unser Lenau“. Außerdem lebten in Großrumänien prominente Dichter jüdischer Herkunft, die in deutscher Sprache veröffentlichten, so Rose Ausländer, Paul Celan, Alfred Kittner, Alfred Margul-Sperber, Moses Rosenkranz, Immanuel Weissglas.
Über diese zwei Probleme setzten sich die Theoretiker hinweg. Sie dehnten die rumäniendeutsche Literatur in die Vergangenheit aus, wozu das unter Ceausescu konstruierte Modell der rumänischen Literaturgeschichte ermunterte. (Wenn Trajan unser Kaiser ist, spöttelte mein Kollege Hans Liebhardt, darf Maria Theresia unsere Kaiserin sein.) Gleichzeitig nahmen sie die deutschsprachigen jüdischen Dichter in ihr Konzept auf, wobei ihnen zu Hilfe kam, dass Margul-Sperber seinen Dichterfreund Kittner ausdrücklich als „deutschen Dichter aus der Bukowina“ bezeichnet hatte.
Obwohl diese Lösung unter den gegebenen politischen Umständen eine praktische Lösung war, kommt die Art und Weise, wie die Theoretiker verfahren sind, der Publizistin Annemarie Weber spanisch vor, nein, nicht spanisch – „unsauber“. Sie fand das Haar in der Suppe während der Arbeit an ihrem Buch über die rumäniendeutsche Kinder- und Jugendliteratur (erschienen 2004). Weber nahm das vermeintliche Konstrukt zum Anlass für eine aufwendige Recherche: wie die Deutschen Rumäniens sich nach dem Zweiten Weltkrieg benannt haben und wie sie von anderen benannt worden sind – zu diesem Zweck untersuchte sie Zeitungen und Zeitschriften, politische und juridische Texte. Ihre Forschungsarbeit wurde 2009 mit einer Dissertation abgeschlossen.
Es entstand ein neues, von Zitaten strotzendes Buch, 342 Seiten, 1346 Fußnoten. Als ergiebigste Quelle erwies sich die überregionale Tageszeitung „Neuer Weg“, deshalb ziert ein Foto des „Neuen Wegs“ den Einband. Es ist das Lichtbild einer misslungenen Probe-Ausgabe, der Null-Ausgabe vom 13. März 1949 (also eher ein Dunkel-Bild).
Das Konstrukt
Den ersten Schritt machte Alfred Margul-Sperber 1956 im Vorwort zu Alfred Kittners Gedichtband „Hungermarsch und Stacheldraht“ (und zeitnah in einem NW-Artikel). Er skizzierte die Geschichte der „deutschen fortschrittlichen Dichtung in der Rumänischen Volksrepublik“, wobei er Namen aus Siebenbürgen, Banat und Bukowina zusammenstellte. 1963 griff der Bukarester Germanist Heinz St²nescu die Anregung auf, er entwarf im Vorwort seiner Anthologie „Das Lied der Unterdrückten“ eine Skizze der „Dichtung der deutschen nationalen Minderheit“ „auf rumänischem Boden“. Sein drei Jahre später in den „Forschungen zur Volks- und Landeskunde“ veröffentlichter Aufsatz trug schon den Titel „Zur Entwicklung der rumäniendeutschen Literaturgeschichte und -kritik“.
Im selben Jahr 1966 veranstaltete die Zeitschrift „Neue Literatur“ eine Umfrage zur Erforschung und Neuwertung des „deutschsprachigen“ literarischen Erbes; zum Unterschied von anderen Teilnehmern verwendeten Johann Wolf, Hans Liebhardt, Paul Schuster und Anton Breitenhofer konsequent das Attribut „deutsch“. Im Rahmen der Umfrage stellte Bernhard Capesius Überlegungen zur Sondersituation der Literatur der deutschen Minderheit an, ihm folgten 1968 Arnold Hauser und Christian Maurer, 1969 Emmerich Reichrath.
Die von Paul Schuster 1965 herausgegebene Lyrik-Anthologie „Siebzehn Ich – ein Wir“ ist der Aufmerksamkeit Webers entgangen.
Nach einer guten Weile, nämlich 1971, veröffentlichte der „Neue Weg“ zwei Texte, die den Begriff „rumäniendeutsche Literatur“ konsekrierten. Gerhardt Csejka stellte in einem Essay fest, dass die Bezeichnung sich eingebürgert habe („Eigenständigkeit als Realität und Chance“, Ausgabe vom 20. März). Emmerich Reichrath beschwor die Notwendigkeit, die rumäniendeutsche Literatur systematisch zu erforschen („Kennen wir unsere Literatur?“ Ausgabe vom 13. August).
Laut Weber enthält Csejkas Essay neben emotionalen Aussagen wie Hoffnung und Zweifel unterschwellig die Aussage, dass die rumäniendeutsche Literatur von der deutschen Literatur geografisch, von der Literatur Österreichs und der Bundesrepublik durch den Eisernen Vorhang getrennt ist.
Weber vergleicht Stãnescus Konzept mit dem Csejkas, wobei das eine als Vergangenheitsmuster, das andere als Zukunftsmodell eingeschätzt wird. Sie stellt Csejka als Vertreter einer jungen Elite von Kulturredakteuren und Germanisten vor, die Stãnescu aus mehreren Gründen ablehnten: Nicht nur, dass er einer anderen Generation angehörte – er beurteilte die Literatur nach ihrem ideologischen Gehalt und ihrem politischen Aktualitätswert, d. h. in der Tradition des sozialistischen Realismus. Ein Mitstreiter Csejkas, Peter Motzan, sollte den neuen Begriff später präzisieren.
In der Tretmühle
Um zu belegen, dass die rumäniendeutsche Literatur – o Wunder! – „sich selbst erfunden hat“, holt Weber sehr weit aus. Auf der Suche nach den Merkmalen „wir“, „deutsch“, „Rumänien“ führt sie den Leser Schritt für Schritt durch die dramatische, verwickelte Geschichte der deutschen Minderheit ab 1944, auch die Hintergründe der rumänischen Innen- und Außenpolitik werden beleuchtet.
Den radikalsten Entwurf zum „Wir“ fand Weber im „Neuen Weg“ der Zeitspanne 1949-1953, als dies Pronomen die deutschen „Werktätigen“ meinte, eine Nationalität, die alle negativen Elemente (Klassenfeinde, Großbauern, Hitleristen, Agenten des internationalen Imperialismus) aus sich selbst ausgeschieden hatte. Diese deutsche Minderheit gehörte zum werktätigen Volk der Rumänischen Volksrepublik und gleichzeitig zur deutschen Sprach- und Kulturnation. Der Inbegriff des neuen Menschen deutscher Nationalität waren die Heimkehrer von der „Pflichtarbeit“ in der Sowjetunion.
Nun fungierte der „Neue Weg“ als Sprachrohr der Partei, er wurde vom Staat finanziert und von der Presseabteilung des Zentralkomitees gegängelt. Obwohl Weber Bescheid weiß, denn sie hat als Kulturredakteurin gearbeitet, entsteht beim Lesen leider der fatale Eindruck, seine Mitarbeiter wären dem ideologischen und politischen Zickzackkurs der Parteiführung tagtäglich gern, willfährig, liebedienerisch gefolgt, was nicht stimmt. Aus einigem Abstand betrachtet, ist das Buch ein unbeabsichtigtes Denkmal für die Redakteure, die plakativ die Forderungen der Presseabteilung erfüllten, um auf den letzten Seiten Texte veröffentlichen zu können, über die der Leser sich freute.
Im Falle des „Neuen Wegs“ zeichneten sich schon in den fünfziger Jahren die zwei Hälften der Zeitung ab, und alle Abonnenten wussten Bescheid. Webers kurzer Kommentar zu dieser Ambivalenz (auf Seite 89) geht in der Masse unter. Andere Redaktionen haben die Strategie der zwei Hälften übernommen. Sie teilten die aufgezwungene Kompromissbereitschaft mit den Theaterleitungen und Verlagsabteilungen, mit den deutschen Schuldirektoren, Kulturheimdirektoren und Bürgermeistern. Der wiederholt zitierte Franz Liebhard, eine Säule des Temeswarer Deutschen Staatstheaters, hat es vorgemacht. Man beugte sich wie das sprichwörtliche Schilfrohr oder noch besser wie ein Grashalm im Sturm, denn es gab keine andere Möglichkeit, um die vorhandenen Chancen für Kommunikation, Literatur und Kunst, für ein Kulturleben im weitesten Sinne, zu erhalten. Friss, Vogel, oder stirb!
So war in den ersten zwei Jahren des „Neuen Wegs“, 1949-1950, die „Aufbauarbeit“ in der Sowjetunion ein herausragendes Thema. Im Kontext der generellen politischen Aufwertung der deutschen Minderheit musste man die Heimkehrer als „neue Menschen“ vorstellen, damit sie den noch erziehungsbedürftigen Landsleuten als Vorbild dienen. Deshalb erübrigt sich die Frage der Verfasserin, wie viel Authentizität all die stilisierten Porträts und ihre Erfahrungsberichte enthalten: wie gut es den Deportierten ergangen ist – was sie alles gelernt haben – wie sie kämpfen wollen, um Rumänien nach dem Vorbild der Sowjetunion umzugestalten. Auch ein (fingierter oder manipulierter) Brief von Oskar Pastior wird erwähnt. Weber zitiert solche Texte, weil sie in den Heimkehrern die Vorhut der deutschen Nationalität ausmacht.
Die kleine Minderheit
Zur Entstehung des Begriffs „rumäniendeutsche Literatur“ mag die verbreitete Einsicht beigetragen haben, dass für die kleine deutsche Minderheit, wenn überhaupt, nur etwas erreicht werden kann, wenn sie als einheitliche Gruppe in Erscheinung tritt. Auf diesen Umstand geht Weber nicht ein. Den Mann auf der Straße dürften die Argumente pro und kontra kalt gelassen haben. Er interessierte sich schon mehr dafür, ob die Mundart als fein oder unfein gilt, ob die Tracht rückständig ist, ob Kirchweih und Urzellauf in ein „ethnisches Reservat“ führen. In seiner Einstellung aber ließ er sich nicht beirren.
Webers Rückschau bricht 1971 ab, was uns nicht daran hindern soll, einen Blick auf den Deutschunterricht zu werfen, der den neuen Begriff übernommen hat. Als dieser im Rahmen eines Fortbildungslehrgangs in Temeswar/Tims{oara 1972 oder 1973 zur Sprache kam, so erinnert sich Frau Else Röhrich (zurzeit in Würzburg), verspürte man eine gewisse Zufriedenheit, weil das Kind endlich einen Namen hatte. Während eines Fortbildungslehrgangs in Kronstadt/Brasov 1974, an dem auch Gastlektoren aus den zwei deutschen Staaten teilnahmen, äußerten sich die Dozenten aus Rumänien selbstbewusst über die eigenständige rumäniendeutsche Literatur. Das erste Lehrbuch, in dem der Begriff auftaucht, erschien 1979, es war für die zwölfte Klasse bestimmt.
Abgelenkt durch die restriktive „Kulturrevolution“ Ceausescus, übersieht Weber die Faktoren, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Herausbildung einer Elite der deutschen Minderheit führten, auch im Bereich der Literatur, wo sie sich als Bestandteil dieser Minderheit artikulieren konnte. Ohne die Bildungsreform, die man im Zusammenhang mit der Industrialisierungspolitik betrachten muss, wäre die Elite, die am Konzept der rumäniendeutschen Literatur häkelte, nicht vorstellbar.
Hans Fink, erschienen am 26. August in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien
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