
Kirche und Politik
"Kirche und Politik. Siebenbürgische Anamnesen und Diagnosen aus fünf Jahrzehnten" von Paul Philippi (2006)
Buch-Details
Broschiert: Band 1 - 293 Seiten, Band 2 -476 Seiten
Verlag: Hora-Verlag (2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: Band 1: ISBN 973-8226-54-6; Band 2: ISBN 973-8226-55-4
Buch-Beschreibung
Bald 20 Jahre nach dem Ende von Ceauşescu steht Rumänien vor einem Neuanfang. Wie wird es als Mitglied der Europäischen Union mit seinen nationalen Minderheiten umgehen? Die Verhältnisse im kommunistischen Staat Rumänien und Initiativen aus der Bundesrepublik Deutschland hatten die Deutschen dieses südosteuropäischen Landes jahrzehntelang im Bestreben bestärkt, sich durch Auswanderung zu retten. Kritik gegenüber dieser einseitigen Politik gab es fast nur aus kirchlichen Kreisen.
Die Anamnesen und Diagnosen des Theologen Paul Philippi, der nach jahrzehntelangem Wirken an der Universität Heidelberg bereits 1983 nach Siebenbürgen zurückgegangen ist, reflektieren in Schlaglichtern die im Westen wie im Osten unterdrückte Diskussion. Erst recht aber geht es in der hier vorliegenden Auswahl von Reden, politischen Briefen, Predigten und Aufsätzen der Jahre 1956-2005 um konstruktive Konsequenzen, die sich aus dieser alternativen Position nach der Wende von 1989 ergeben haben.
Rezension
Vom Apfelbäumchen zum Baron von Brukenthal
Gedanken zu Paul Philippis zweibändigem Werk „Kirche und Politik“
Kirche und Politik sind für viele unserer Zeitgenossen Kapitel, die sich nicht vertragen. Die Orthodoxe Kirche Rumäniens, sonst nicht eben zimperlich in der meisterhaften Vermischung dieser beiden Begriffe – namentlich in der Zeit traurigen Angedenkens –, stellte ihre Pfarrer sogar vor die Wahl: entweder Politiker oder Pfarrer.
Eine ganz andere Sichtweise zeigt Prof. Dr. Paul Philippi in seinem eben erschienenen Werk „Kirche und Politik“ auf, begründet auch auf die jahrhundertealte Tradition Siebenbürgens, wo die Pfarrer zur politischen Oberschicht zählten. Philippi, selber Pfarrer und leidenschaftlicher Politiker (er führte die Geschicke des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien zwischen den Jahren 1992 - 1998 und ist seit dem Jahre 1998 Ehrenvorsitzender des DFDR), hat mit der Zusammenfassung seines Wirkens ein spannendes Kapitel Zeitgeschichte vorgelegt, die untrennbar mit seiner Vita verbunden ist.
Der Autor, Jahrgang 1923, erlebte zunächst das typische Schicksal seiner Zeitgenossen: „freiwillig“ eingezogen zur Waffen-SS, den Zweiten Weltkrieg in all seinen Scheußlichkeiten kennen gelernt, in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten und in Deutschland verblieben. Woher er trotz akademischer Karriere in Heidelberg nach Hermannstadt rückübersiedelte in einer Zeit, in der das Ende des Eisernen Vorhangs und der Ceausescu-Diktatur noch lange nicht absehbar war. Hier war er gründendes Mitglied des Demokratischen Forums der Deutschen, eben um in der neuen Freiheit den Deutschen wieder eine politische Stimme zu geben.
Dass nicht alles ohne (Ein-)Schnitte gehen konnte, weder vor 1989 in Zeiten der Diktatur und kontinuierlichen Auswanderung seiner Landsleute, noch in der Zeit nach 1989 während der Neuordnung der Werte, muss Philippi wohl ständig vor den Augen gestanden haben. So ist wohl auch der medizinisch anmutende Untertitel „Siebenbürgische Anamnesen und Diagnosen aus fünf Jahrzehnten“ zu verstehen.
Das fast 700-seitige Konvolut ist in zwei Bände gegliedert, der erste beschreibt die Zeit zwischen den Jahren 1956-1991, der zweite die Jahre 1991 bis 2005. Im Vorwort weist der Autor darauf hin, dass die meisten Texte schon einmal gedruckt erschienen sind (in den „Zugängen“) und die „bösen Polemiken der 1950er, 1960er und 1970er Jahre“ ausgeklammert blieben. Versöhnlich soll die Sammlung sein und therapeutisch wirken, darum geht es dem Autor, aber auch um die Hoffnung, den nachfolgenden Generationen grundsätzliche Erwägungen zu hinterlassen, über die es sich lohnt, auch im Hinblick auf die Zukunft nachzudenken.
So spannt der Autor den Bogen von der „dritten Möglichkeit“ des Jahres 1956 über den „besonderen Glauben“ der Siebenbürger Sachsen zu der Aussiedlung und Familienzusammenführung, letztere ein Punkt, bei dem der Autor fest zu seiner Meinung steht, dass die Zukunft der Siebenbürger Sachsen auch weiterhin in Siebenbürgen liegt. Und er hat sich nicht gescheut, dies dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl direkt mitzuteilen. Was ihm nicht gerade viele Freunde einbrachte.
Der zweite Band befasst sich vorrangig mit der Zeit Paul Philippis als Vorsitzender und Ehrenvorsitzender des DFDR, eine Zeit, die geprägt war von einem wachsenden politischen Selbstbewusstsein der Rumäniendeutschen. In dieser Zeit wurde auch das Wort „nicht ohne uns über uns sprechen“ geprägt, das man getrost als das Leitmotiv der rumäniendeutschen Politik ansehen kann.
Abgerundet werden die Bände von fünf Birthälmer Reden, die – vom Apfelbäumchen bis hin zum Baron Samuel von Brukenthal - für die Veränderungen der letzten 15 Jahre stehen.
Ein Verdienst des Autors ist es, die Texte so gewählt und zusammengestellt zu haben, dass sich das Buch zeitweilig spannend wie ein Thriller liest. Wer Antworten zur siebenbürgisch-deutschen, aber auch zur rumäniendeutschen Geschichte der letzten 50 Jahre sucht, ist mit dem Buch bestens bedient.
Benjamin Józsa, erschienen am 23. Februar in der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien
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